Saturday, 31 January 2009

Wo Afrikaaner unter sich bleiben können

Die Siedlung Orania südöstlich von Bloemfontein gedeiht und hat grosse Zukunftspläne

Fenster schliessen Die Afrikaaner-Siedlung Orania südöstlich von Bloemfontein zählt inzwischen rund 700 Einwohner. Das Leben in Orania wirkt für südafrikanische Verhältnisse entspannt, ja idyllisch. Die Vertreter der Siedlung hoffen auf weiteres Wachstum.

jpk. Orania, im Dezember

Hier gefalle es ihm, hier wolle er leben, erklärt der pensionierte Kaufmann Neville aus Sasolburg. In Orania könne man in Ruhe und Sicherheit seinen Lebensabend verbringen. Zu Hause habe man nicht einmal mehr auf dem Friedhof vor den überall sich ausbreitenden Schwarzen Ruhe. Neville, der mit seiner Gattin eigentlich nur Ferien in Orania verbringen wollte, hat sich in die Siedlung verliebt, die zur Selbstbehauptung der Kultur der Afrikaaner 1991 von Carol Boshoff, dem Schwiegersohn des ehemaligen südafrikanischen Premierministers Hendrik Verwoerd, gegründet worden war. Nach der Beendigung des Rundgangs mit dem Fremdenführer John Strydom erkundigt sich Neville umgehend über die Möglichkeiten zum Erwerb eines Hauses und eines Stückes Land.

Aufnahmeverfahren

Strydom weist darauf hin, dass Orania am Zuzug neuer Siedler sehr interessiert sei. Er macht aber auch darauf aufmerksam, dass jeder Interessent ausführlich auf seine Eignung als ständiger Einwohner hin überprüft werde. Er empfiehlt Neville zudem, ein kleines Haus zu kaufen, wenn er sich denn tatsächlich dafür entscheiden sollte, seinen Lebensabend in Orania zu verbringen, und die Gemeinschaft bereit sei, ihn aufzunehmen. Der Kauf eines kleinen Hauses sei empfehlenswert, da die Einwohner vom Selbstverwaltungsrat dazu angehalten würden, alle Arbeiten selber zu verrichten. Mit dieser Bestimmung soll verhindert werden, dass Schwarze und Mischlinge sich als Hausangestellte und Arbeiter in der Siedlung niederlassen. Mit dem Aufnahmeverfahren soll zudem sichergestellt werden, dass nur Afrikaans sprechende weisse Südafrikaner sich in dem kleinen Ort niederlassen können. Orania kann diese Bestimmungen, welche dem «non-racialism» der Regierung entgegengesetzt sind, nur durchsetzen, weil die Siedlung eine Aktiengesellschaft ist. Neuzuzüger müssen Anteile an dieser AG erwerben. Ursprünglich war Orania eine Barackensiedlung, die Arbeiter des südafrikanischen Wasserdepartementes beherbergt hatte. Boshoff und seine Anhänger kauften die verlassenen Baracken im Grenzgebiet zwischen dem Freistaat und der Provinz Nordkap und das umliegende Farmland zu Beginn der neunziger Jahre auf und lancierten zielstrebig ein Um- und Neubauprogramm. Boshoff glaubte, die Afrikaaner würden ohne eigene territoriale Grundlage im neuen Südafrika ihre kulturelle Identität verlieren.

Kleine Idylle

Orania hat sich seit der Gründung zu einer florierenden Siedlung mit 700 Einwohnern entwickelt, die vor allem von der Landwirtschaft und in den letzten Jahren vermehrt auch vom Tourismus leben. Inzwischen gibt es mehrere Gasthäuser, einen Campingplatz an den Ufern des Orange River und sogar ein Wellness-Zentrum. Die Landwirtschaft wurde unter dem Einsatz neuster Technik entwickelt und umfasst neben der Viehwirtschaft vor allem den Anbau von Pecannüssen. Neben rein landwirtschaftlichen Betrieben sind in den vergangenen Jahren auch kleine Unternehmen zur Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte sowie verschiedene kleine Läden und Werkstätten gegründet worden.

Das Leben in Orania wirkt für südafrikanische Verhältnisse äusserst entspannt, fast könnte man sagen idyllisch. Haustüren stehen offen, Kinder fahren sorglos auf ihren Fahrrädern herum, und die Einwohner grüssen sich, wenn sie sich begegnen. Im Gegensatz zu den andern südafrikanischen Orten scheint Kriminalität in Orania kaum zu existieren. Dies dürfte einerseits darauf zurückzuführen sein, dass sich hier keine Mittellosen niederlassen können. Anderseits zahlt sich auch der eigene effiziente Sicherheitsdienst aus. Eine wichtige Rolle dürfte auch die Einführung des eigenen Zahlungsmittels Ora spielen, das den gleichen Wert wie der südafrikanische Rand hat. Da die Ora nur in Orania benützt werden kann, ist das Zahlungsmittel für Kriminelle nicht interessant.

Die Verwendung der Ora wird vom Siedlungsrat und von den lokalen Händlern gefördert. Wer mit Ora zahlt, erhält automatisch einen Rabatt von fünf Prozent. Mit der Einführung einer eigenen Währung verschaffte sich Orania zudem neue Einnahmen. Etwa ein Viertel der Ora-Noten, die alle zwei bis drei Jahre durch neue Serien ersetzt werden, wird von Sammlern aufgekauft und muss damit von der lokalen Sparkasse nicht wieder in südafrikanische Rand umgetauscht werden, wie der Vertreter der Orania-AG, Frans de Klerk, mit einem zufriedenen Lächeln erklärt. Das bringe alle paar Jahre etwa 100 000 Rand in die Kasse Oranias. Die Siedlung will weiterwachsen, wie de Klerk und der ehemalige Bürgermeister Manie Opperman erklären. Er hoffe, dass die Gemeinschaft in 20 Jahren etwa 20 000 Personen zählen werde, sagt Opperman. In den vergangenen Jahren seien deshalb bereits zwei weitere Farmen zugekauft worden, die allerdings nicht direkt an das gegenwärtige Siedlungsgebiet angrenzten. Gebremst werde das Wachstum der Gemeinschaft zurzeit vor allem durch die fehlenden Mittel zum Bau neuer Wohnhäuser. Orania versucht nicht nur gutbetuchten Afrikaanern eine neue Heimat zu bieten, sondern auch Arbeitslosen und Waisen, die nicht über ausreichende Mittel zum Bau eines Anteils an der Orania-AG verfügen.

Gutes über die Apartheid

Die kleine Ortschaft beeindruckt durch ihre Entwicklung und Einheit. Ihre Führer können allerdings den Verdacht nicht wirklich entkräften, sie trauerten den Verhältnissen zur Zeit der Apartheid nach. Besucher des Ortes werden als Erstes ins Museum geführt, bei dem es sich um das frühere Wohnhaus der Witwe Verwoerds handelt. Betsie Verwoerd hatte in Orania ihre letzten Lebensjahre verbracht; sie verstarb im Jahr 2000. Neben unzähligen Familienporträts und persönlichen Gegenständen des Ehepaares wird im Museum auch der Anzug gezeigt, den Verwoerd getragen hatte, als er 1966 im Parlament ermordet wurde.

Auch Opperman distanziert sich im Gespräch nicht wirklich von der Apartheid, sondern betont mehrmals, die Vorwürfe, die Schwarzen seien schlecht behandelt worden, seien unzutreffend. Südafrika sei schlicht das Opfer der allgemeinen Entkolonialisierung auf dem afrikanischen Kontinent und der weltweiten liberalen Strömungen geworden. Der einzige wirkliche Fehler der Apartheid-Ära sei gewesen, dass nicht auch ein Homeland für die Afrikaaner geschaffen worden sei und dass die Apartheid im wirtschaftlichen Bereich nicht voll durchgesetzt worden sei. Dass Orania mit seinem Separatismus bei der Regierung nicht auf grössere Schwierigkeiten gestossen ist, dürfte vor allem darauf zurückzuführen sein, dass die Siedlung eher klein geblieben ist. Bis jetzt sind nach Angaben von Opperman nur ab und zu gehässige Kommentare im Provinzparlament zu hören. Die Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden verlaufe zufriedenstellend.

Quelle:NZZ Online
http://www.nzz.ch/nachrichten/international/wo_afrikaaner_unter_sich_bleiben_koennen_1.1760350.html

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